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«Wenn jemand sagt, dass es einfach aussieht, haben wir unseren Job richtig gemacht.»

 

Lia Lütolf (24) kommt aus Kerns/OW und ist professionelle Tänzerin. Sie erhielt ihre Tanzausbildung in klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz in Luzern und Zürich. Sie machte an der Kantonsschule Obwalden die Matura und erwarb 2023 ihren Bachelorabschluss als Bühnentänzerin in Contemporary Dance an der Zürcher Hochschule der Künste. Im selben Jahr veröffentlichte sie das Buch «arabesque – brisé – chassé – Bedeutung von Bezeichnungen im klassischen Ballett». Aktuell studiert sie Sportmanagement an der Fernfachhochschule und arbeitet bei Athletes Network in den Bereichen Speech Coordination und Athlete Relations. Dort unterstützt sie Athlet:innen dabei, ihre Erfahrungen aus dem Spitzensport gewinnbringend in der Wirtschaftswelt einzusetzen.

 

Wenn es ums Tanzen geht, bin ich talentfreie Zone. Erklär mir bitte den Unterschied zwischen professionellem Tanzen und Freitagnacht in der Disco.

Die Freitagnacht in der Disco ist eigentlich eine super Voraussetzung – nämlich, weil dort die Freude an der Bewegung entsteht. Der Unterschied ist, dass man diese Freude im professionellen Tanz weiterentwickelt. Man beginnt, sich intensiver damit auseinanderzusetzen. Was mache ich eigentlich? Was ist möglich? Wie kann ich mich ausdrücken? Ich vergleiche das gerne mit einer Sprache. Am Anfang macht es einfach Spass. Mit der Zeit lernt man Grammatik und Vokabular. Und irgendwann kann man sich wirklich differenziert ausdrücken. Genau so ist es auch im Tanz.

 

Wenn du dein Leben als Tanzstil bezeichnen müsstest welcher wäre das?

Ich würde Contemporary Dance sagen. Das ist ein sehr weiter Begriff. Im zeitgenössischen Tanz gibt es unglaublich viel Raum für individuelle Interpretation. Jede Person bringt ihre eigene Handschrift und ihre eigene Farbe mit ein. Genau so empfinde ich mein Leben im Moment auch. Es entwickelt sich ständig weiter und lässt viele verschiedene Richtungen zu. Das gefällt mir sehr.

 

Athletinnen und Athleten wissen, dass jede Aktivkarriere ein Ablaufdatum hat. Wie ist das beim Tanz? Ähnlich oder vielleicht sogar noch präsenter als beim klassischen Sport?

Wenn ich von meiner eigenen Erfahrung ausgehe, war dieses Bewusstsein eigentlich schon immer da. Einerseits, weil Tanz körperlich unglaublich anspruchsvoll ist und die physische Belastung entsprechend hoch. Irgendwann sind die eigenen Kapazitäten einfach begrenzt. Andererseits bewegt sich der Tanz an der Schnittstelle zwischen Sport und Kultur. Gerade auch aus finanzieller Sicht oder im Hinblick auf die Perspektiven war immer klar, dass eine akademische Ausbildung oder ein zweites berufliches Standbein dazugehören. Das war für mich eine wichtige Sicherheit.

 

Deine akademische Ausbildung parallel zur Tanzausbildung und -karriere: Ist das eine bewusste Absicherung? Oder Teil deiner Persönlichkeit?

Für mich war das ein sehr bewusster Entscheid. Ich komme ursprünglich aus dem klassischen Ballett. Dort stellt sich schon mit 13 oder 14 Jahren die Frage, ob man den professionellen Weg einschlagen möchte. In der Schweiz gibt es dafür sogar eine Lehre als klassische Bühnentänzerin, die direkt nach der obligatorischen Schulzeit beginnt. Ich wurde also relativ früh mit dieser Entscheidung konfrontiert und habe mich bewusst für das Gymnasium entschieden. Für mich war wichtig, mit der Matura eine gewisse Sicherheit zu haben.

Parallel zur schulischen Ausbildung lag der Fokus auf den Trainings und meiner tänzerischen Weiterentwicklung, und es galt, diese Bereiche optimal zu koordinieren, um das Maximum herauszuholen.

 

Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du dachtest: «Lia, vernünftig bleiben. Tanz ist zwar meine Leidenschaft, aber ich muss mir trotzdem ein berufliches Standbein aufbauen.» Wie war das bei dir?

Das ist eigentlich recht spannend: Ich wusste lange nicht explizit, dass ich einmal Tänzerin werden möchte. Mir war klar, dass ich unglaublich gerne tanze und dass es meine grosse Leidenschaft ist. Dass man das tatsächlich als Beruf machen kann, war für mich aber lange gar nicht selbstverständlich. Vielleicht auch, weil ich aus Obwalden komme und das dort nicht besonders präsent war.

Ich musste schon früh nach Luzern und später nach Zürich pendeln, um überhaupt in dieser Intensität trainieren zu können. Dass Tanz einmal mein Beruf werden könnte, wurde mir eigentlich erst bewusst, als die Entscheidung sich aufdrängte, welchen Weg ich nach Abschluss der Matura einschlagen möchte. Damals dachte ich mir: Wenn ich es ausprobieren möchte, dann jetzt. Also habe ich mich entschieden, den Bachelor in Contemporary Dance zu machen und voll auf den Tanz zu setzen. Ich hatte aber nie das Gefühl, vernünftig sein zu müssen und deshalb den Tanz hintenanzustellen. Diese Frage hat sich für mich eigentlich nie so gestellt.

 

Du arbeitest heute bei Athletes Network an der Schnittstelle zwischen Spitzensport und Berufswelt. Hat dich dein eigener Weg besonders sensibel für dieses Thema gemacht?

Definitiv. Ich glaube, ich war schon immer ein Mensch mit vielen Interessen. Der Tanz war ein riesiger Teil meines Lebens, gleichzeitig haben mich aber auch organisatorische Themen oder Management schon früh fasziniert. Deshalb war für mich immer klar, dass ich auch diesen Interessen Raum geben möchte. Das Fernstudium war für mich die ideale Möglichkeit, dem Tanz weiterhin den nötigen Platz zu geben und gleichzeitig einen anderen Bereich aufzubauen. Dazu kommt das Bewusstsein, dass eine berufliche Laufbahn viel länger dauert als eine klassische Tanzkarriere. Mir war immer klar: Irgendwann geht es nach dem Tanz weiter. Genau das hat mich auch für die Arbeit mit Athletinnen und Athleten sehr sensibilisiert.

 

Tanz ist stark mit Physis und Emotionen verbunden. Wenn diese Identität irgendwann wegfällt und man ins Berufsleben wechselt – wie fühlt sich das an?

Ich glaube, das ist zum Teil schwieriger, als man vielleicht denkt. Im Tanz kommen die körperliche, die emotionale und auch die mentale Arbeit ständig zusammen. Das prägt einen als Mensch. Diesen Anspruch, den ich an mich selbst habe, kann ich nicht einfach abstellen. So funktioniere ich einfach. Natürlich nehme ich genau diese Haltung heute auch in andere Bereiche mit – sei es bei Athletes Network oder im Studium. Gleichzeitig macht es den Übergang in gewissen Aspekten auch herausfordernder, weil der eigene Anspruch an mich selbst bestehen bleibt. Das ist definitiv etwas, das mich begleitet.

 

Was ist für dich anstrengender: der körperliche Leistungsdruck als Tänzerin oder die Frage, wie dein Leben drumherum aussieht?

Um ehrlich zu sein, eher alles rundherum. Der Leistungsdruck als Tänzerin gehört für mich irgendwie dazu. Ich arbeite gerne mit meinem Körper und mache das aus eigener Überzeugung. Anspruchsvoller finde ich alles, was daneben passiert. Nach dem Gymnasium habe ich mich drei Jahre lang voll auf den Tanz konzentriert und danach zwei Jahre freischaffend gearbeitet. Wenn man ständig von einem Projekt zum nächsten springt und immer wieder dem nächsten Engagement nachgeht, ist es manchmal gar nicht so einfach, seinen eigenen Platz zu finden. Dieser Teil fordert mich persönlich mehr als die körperliche Arbeit.

 

Du hast in verschiedenen Ländern gearbeitet und unterschiedliche Mentalitäten kennengelernt. Was hast du mitgenommen?

Ganz praktisch sicher die Sprache. Ich bin nicht englischsprachig aufgewachsen, aber durch meine Engagements ist Englisch für mich heute selbstverständlich geworden. Noch wichtiger sind aber die Soft Skills. Ich habe gelernt, offen für unterschiedliche Perspektiven zu sein und verschiedene Sichtweisen nebeneinander bestehen zu lassen. Gerade daraus entsteht oft etwas sehr Spannendes. Ein weiterer Punkt ist die Kommunikation. Die kann je nach Kultur total unterschiedlich sein. In der Tanzkompanie in Deutschland arbeiteten Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen – aus dem asiatischen Raum, aus Italien, aus der Schweiz und vielen weiteren Nationen. Die Kommunikationsstile waren völlig unterschiedlich. Als Schweizerin war ich eher zurückhaltend, während andere viel mehr Raum einnahmen. Trotzdem musste am Ende alles als Team funktionieren. Das fand ich unglaublich spannend. Und etwas, das mich der Tanz grundsätzlich gelehrt hat, ist Durchhaltevermögen.

Ausserdem zeichnet sich der Tanz durch das Streben nach einer Perfektion aus, die nie erreicht werden kann, auch wenn man ständig daran arbeitet, ihr näherzukommen. Diese Haltung prägt mich bis heute.

 

Welche Tipps bezüglich Karriereplanung würdest du einer 16-jährigen Nachwuchstänzerin mit auf den Weg geben?

Ich glaube, das ist sehr individuell und hängt stark von der Persönlichkeit ab. Jeder braucht etwas anderes. Ich merke bei mir selber, dass ich eine gewisse Struktur und Sicherheit brauche. Allgemein würde ich aber sagen: Seid euch bewusst, dass euch der Bereich, in dem ihr euch bewegt, unglaublich viele Möglichkeiten bietet, euren Horizont zu erweitern. Alles, was ihr heute lernt – egal ob im Tanz oder in einem anderen Bereich –, werdet ihr später wieder brauchen können. Darauf könnt ihr immer zurückgreifen. Und ich würde euch ermutigen, euch nicht nur über den Tanz zu definieren. Fragt euch immer wieder: Wer bin ich eigentlich auch ausserhalb des Tanzens? Diese Fragen gehören zum Prozess, auch wenn man nicht immer sofort eine Antwort darauf hat.

 

Man sollte akzeptieren, dass es immer jemanden gibt, der noch besser ist. Gleichzeitig muss man seinen eigenen Platz finden.

Ich glaube sogar, dass es gar nicht in erster Linie darum geht, seinen Platz zu finden, sondern sich selbst zu finden. Gerade im Tanz ist vieles viel weniger objektiv als in anderen Sportarten. Klar, jemand springt vielleicht höher oder dreht mehr Pirouetten. Aber am Ende des Tages ist der künstlerische Ausdruck etwas sehr Persönliches. Genau das macht den Tanz auch so besonders.

 

Wenn ich deine Aus- und Weiterbildung anschaue Matura, Bachelor, Studium und parallel dazu noch dein Buch: Wie organisiert man ein Leben mit so vielen unterschiedlichen Projekten?

Das habe ich schon sehr früh gelernt. Ich war an einem normalen Gymnasium und nicht an einem Sportgymnasium. Deshalb musste ich meine Zeit von Anfang an sehr gut einteilen. Ich hatte das Glück, dass mein Rektor meine tänzerische Laufbahn unterstützt hat. Er sagte damals: «Solange deine schulischen Leistungen stimmen, kannst du drei Nachmittage pro Woche fürs Training nutzen.» Das war natürlich ein grosses Privileg.

Gleichzeitig bedeutete das aber auch, dass ich jede freie Minute nutzen musste. Im Zug, auf dem Heimweg oder am Wochenende wurde gelernt. Diese Art zu arbeiten hat mich sehr geprägt. Heute ist es eigentlich ähnlich. Wenn ein Bereich gerade etwas weniger Priorität hat, rückt ein anderer in den Vordergrund. Ich bin diese Organisation inzwischen so gewohnt, dass es sich fast komisch anfühlt, wenn ich plötzlich einmal viel freie Zeit habe.

 

Den Lehrer als Förderer an der Seite zu haben, ist das eine. Wie war das bei deinen Eltern?

Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Sie kommen überhaupt nicht aus der Tanzwelt, deshalb war für sie alles neu. Gleichzeitig war ihnen wichtig, dass ich das Gymnasium abschliesse.

Sie haben aber immer gesagt: «Wenn das dein Weg ist, dann unterstützen wir dich.» Sie haben mich nach Zürich und nach Basel gefahren und dafür gesorgt, dass ich rechtzeitig im Training war. Ohne diese Unterstützung wäre vieles schon viel früher gar nicht möglich gewesen.

 

Es gibt aber auch Eltern, die Druck ausüben…

Das habe ich in meinem Umfeld schon oft erlebt – gerade auch in Tanzschulen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sich Eltern über ihre Kinder verwirklichen möchten. Bei mir war das nie so. Mein Antrieb war immer, dass ich selber tanzen wollte. Das ist auch der Grund, weshalb ich es so lange machen konnte. Ich glaube, wenn der Druck hauptsächlich von aussen kommt, wird es irgendwann unglaublich schwierig. Dafür ist dieser Weg einfach zu anspruchsvoll.

 

Das Wechselspiel zwischen Tanzen, Studium, Regeneration, Freizeit und sogar einem eigenen Buch verlangt unglaublich viel Struktur. Oder steckt dahinter ein noch tieferer Antrieb?

Ein wichtiger Punkt ist sicher, dass ich früh gelernt habe, meine Zeit gut zu nutzen. Ich glaube auch daran, dass sich die verschiedenen Bereiche gegenseitig bereichern: One field informs the other. Das eine gibt dem anderen also wieder neue Energie und neue Ideen. Der Tanz ist zwar meine grosse Leidenschaft; gleichzeitig haben mich aber auch Sprache, Literatur, Organisation und solche Themen schon immer interessiert. Genau daraus ist letztlich auch die Idee für mein Buch entstanden.

Beim klassischen Ballett fing ich an, mich intensiv mit Begriffen, ihrer Herkunft und ihrer sprachlichen Entwicklung auseinanderzusetzen. Daraus kamen dann die Recherche, das Schreiben, das Layout und später auch die Vermarktung. Alles greift ineinander. Das merke ich heute genauso im Studium oder bei Athletes Network. Ich nehme ständig etwas aus dem Tanz mit und umgekehrt auch wieder zurück in den Tanz. Athletes Network ist dabei fast wie ein Katalysator, der diese verschiedenen Welten miteinander verbindet. Genau das gefällt mir so daran.

 

Hast du manchmal das Gefühl, zwischen Kunst, Tanz und Karriere hin- und hergerissen zu sein?

Ja, absolut. Das ist eigentlich ein ständiger Konflikt.

 

Wie gehst du damit um?

Mal besser und mal weniger gut. Wie ich vorher schon gesagt habe, sind beide Seiten ein Teil von mir. Manchmal steht die eine stärker im Vordergrund, manchmal die andere. Trotzdem gehen sie für mich Hand in Hand. Es gibt Situationen, die wären vielleicht einfacher, wenn ich sie nur mit einem Business-Mindset betrachten würde. Andere wiederum, wenn ich sie nur aus der künstlerischen Perspektive anschauen würde. Aber beide Sichtweisen sind immer da und formen meine eigene, persönliche Herangehensweise.

 

Du hast in deiner Arbeit für Athletes Network viel mit Menschen aus der Wirtschaft zu tun. Gibt es besondere Reaktionen oder sogar Vorurteile, wenn sie hören, dass du Tänzerin bist?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt schon Menschen, die zuerst fragen, ob Tanz überhaupt ein Sport sei. Mir geht es nicht darum, jemanden zu belehren. Wenn ich für Athletes Network unterwegs bin, dann bin ich in erster Linie Lia von Athletes Network und arbeite gemeinsam mit einem Unternehmen an einem konkreten Thema oder einem Referat. Darauf liegt der Fokus. Vielleicht kommt im Verlauf des Gesprächs irgendwann zur Sprache, dass ich Tänzerin bin. Aber zuerst geht es darum, gemeinsam etwas zu erarbeiten.

 

Oder umgekehrt: Wie reagieren Tänzerinnen und Tänzer, wenn du mit ihnen über Leadership oder Management sprichst?

Das ist spannend. Ich bewege mich damit schon etwas in einem anderen Feld. Viele aus meinem Tanznetzwerk bleiben innerhalb der Tanzwelt. Sie unterrichten, fotografieren oder arbeiten in anderen kreativen Bereichen. Ich gehe da einen etwas anderen Weg. Deshalb sprechen wir auch über andere Themen. Gleichzeitig merke ich aber, dass Leadership oder Organisationsentwicklung auch in der Tanz- und Kulturwelt immer wichtiger werden. Dort steckt sicher noch viel Potenzial.

 

Du unterstützt Athletinnen und Athleten dabei, ihre Erfahrungen aus dem Spitzensport ins Berufsleben zu übertragen. Welche Fähigkeiten werden dabei besonders häufig unterschätzt?

Ich finde es spannend, dass das sowohl auf Unternehmens- als auch auf Athletinnen- und Athletenseite ein Thema ist. Viele sind sich gar nicht bewusst, was sie im Laufe ihrer Karriere eigentlich alles gelernt haben. Deshalb finde ich es so wichtig, sich bewusst Zeit zu nehmen und sich zu fragen: Was bedeutet mein Athletes Mindset eigentlich konkret? Was habe ich in meiner Karriere gelernt? Was hat mich geprägt? Es geht um den Umgang mit den eigenen Stärken und Schwächen, um Selbstreflexion, Lösungsorientierung oder den Umgang mit Rückschlägen. All das sind Fähigkeiten, die im Spitzensport fast automatisch entstehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Motivation. Niemand hat jeden Tag Lust aufs Training. Trotzdem lernt man, dranzubleiben und an sich zu arbeiten. Genau diese Erfahrung prägt einen enorm – und oft ist einem gar nicht bewusst, wie wertvoll sie später auch ausserhalb des Sports ist.

 

Welches sind typische Unsicherheiten, wenn sich Sportlerinnen und Sportler beruflich neu orientieren müssen? Und wie unterstützt Athletes Network dabei?

Viele sagen zuerst: «Ich war jetzt 15 Jahre lang Eishockeyspieler. Ich habe doch keine Ahnung, wie ein Büro funktioniert.» Dann sagen wir: Ja, es ist ein neues Spielfeld – aber das heisst nicht, dass plötzlich alle Spielregeln komplett anders sind. Viele Herangehensweisen lassen sich übertragen. Du fängst nicht bei null an. Du beginnst zwar an einem neuen Ort, bringst aber bereits einen grossen Rucksack voller Erfahrungen mit. Genau diesen Skill Transfer machen wir sichtbar.

Wir schauen gemeinsam an: Was bringe ich eigentlich mit? Was bedeuten meine Erfahrungen konkret? Vielleicht ist es Resilienz. Vielleicht ist es die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen oder Lösungen zu finden. Vielleicht ist es auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen oder selbstbewusst aufzutreten – selbst dann, wenn noch nicht alles perfekt sitzt. Genau diese Fähigkeiten sind oft schon da. Man muss sie erkennen und in einen neuen Kontext übertragen.

 

Wie unterscheiden sich Individual- und Teamsportlerinnen und -sportler, wenn es um ihre Karriereplanung geht?

Aus meiner Erfahrung gar nicht so stark, wie man vielleicht denken würde. Auch Teamsportler kennen Konkurrenz. Es gibt immer jemanden, der auf deine Position möchte. In diesem Sinn steckt auch im Teamsport immer ein Stück Einzelsport. Umgekehrt funktioniert aber auch keine Einzelsportlerin völlig allein. Da gehören Trainer, Physios, das Umfeld oder die Organisation genauso dazu. Deshalb merke ich im Austausch mit Athletinnen und Athleten – sei es bei der Jobsuche oder bei Referaten – gar keine grossen Unterschiede. Die Fragestellungen sind oft erstaunlich ähnlich.

 

Ihr alle habt diesen enormen Leistungswillen. Was fasziniert dich an dieser Mentalität?

Seit ich auch Erfahrungen in der Privatwirtschaft sammle, ist mir erst richtig bewusst geworden, dass Dinge, die für mich selbstverständlich waren, gar nicht überall selbstverständlich sind.

Für mich war immer klar, dass man engagiert ist, sein Bestes gibt und sich weiterentwickeln möchte. Im Spitzensport wächst man genau mit dieser Haltung auf.

Mich fasziniert dieser Wille, besser werden zu wollen. Der Wille, etwas zu bewegen, dranzubleiben und das eigene Potenzial auszuschöpfen. Auch wenn es nicht sofort funktioniert. Gerade dieses Dranbleiben ist etwas, das ich unglaublich spannend finde.

 

Ist es einfach ein Klischee, dass Spitzensportlerinnen und Spitzensportler automatisch belastbarer sind?

Ui, da möchte ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ich glaube nicht, dass man das einfach so sagen kann. Es ist keine automatische Konsequenz, dass Spitzensportlerinnen und Spitzensportler belastbarer sind. Ich denke aber, wenn sie sich bewusst machen, wodurch sie im Sport resilient geworden sind, können sie diese Stärke auch in anderen Bereichen einsetzen. Sie bringen unglaublich viele Erfahrungen mit, die sie resilient machen können. Der entscheidende Schritt ist aber, sich dessen überhaupt bewusst zu werden. Erst dann kann man diese Fähigkeiten auch gezielt nutzen.

 

Wären sie nicht belastbar, hätten sie wahrscheinlich gar keine Karriere gemacht.

Genau. Um überhaupt so weit zu kommen, bringt jede und jeder diese Fähigkeiten in irgendeiner Form mit. Das Potenzial entfaltet sich für andere Lebensbereiche aber erst dann richtig, wenn man sich bewusst wird, was alles bereits vorhanden ist.

 

Du koordinierst unter anderem Referate von Athletinnen und Athleten. Wann denkst du: Genau deshalb mache ich diesen Job?

Ein besonders schöner Teil meiner Arbeit ist der enge Austausch mit den Athletinnen und Athleten. Jede und jeder hat einen ganz eigenen Weg hinter sich – und genau das macht sie so spannend. Es gibt keine Geschichte, die sich wiederholt. Jeder Werdegang ist einzigartig. Gleichzeitig finde ich auch die Zusammenarbeit mit den Unternehmen unglaublich spannend. Am Anfang steht immer ein Briefing: Welche Themen beschäftigen das Unternehmen? Wo liegt der Fokus? Geht es zum Beispiel um Resilienz, Leadership oder Teamarbeit? Dann schauen wir gemeinsam, was genau gebraucht wird und welche Athletin oder welcher Athlet mit der eigenen Erfahrung am besten dazu passt. Wenn am Schluss beide Seiten perfekt zusammenfinden und durch den Austausch Neues lernen, ist das für mich jedes Mal etwas sehr Schönes.

 

Was können Unternehmen von Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern lernen?

Ich glaube, vor allem den Gedanken der Zusammenarbeit. Im Sport ist Erfolg fast nie eine reine Einzelleistung. Am Ende entsteht Leistung immer gemeinsam. Dieser Teamgedanke ist etwas, wovon Unternehmen sehr viel lernen können. Dazu kommen Motivation und Disziplin. Für mich gehören diese beiden Dinge untrennbar zusammen. Disziplin ohne Motivation wird irgendwann frustrierend. Und Motivation ohne Disziplin ist langfristig auch nicht verlässlich genug. Was ich als Bühnentänzerin zusätzlich mitnehme, ist die Auftrittskompetenz. Also die Fähigkeit, für sich einzustehen, präsent zu sein und mit Überzeugung nach aussen aufzutreten. Das ist auch im Berufsleben unglaublich wertvoll.

 

Was war für dich die grösste Umstellung, als du ins Team von Athletes Network gekommen bist?

Es gab am Anfang unglaublich viel Neues zu lernen. Das Arbeitsumfeld ist natürlich ganz anders als in einer Tanzkompanie, wo man täglich körperlich arbeitet. Was mir den Einstieg aber enorm erleichtert hat, war das Team. Der Umgang miteinander ist sehr persönlich und nahbar. Ich glaube, der Wechsel wäre viel schwieriger gewesen, wenn ich in einem sehr klassischen, strengen Corporate-Umfeld gestartet hätte.

Bei uns spricht man offen miteinander, auch wenn es einmal Konflikte gibt. Diese Offenheit hat mir den Einstieg wirklich erleichtert. Die grösste Umstellung war aber sicher der Wechsel von einer sehr körperlichen Tätigkeit hin zu mehr Büroarbeit. Ich bin ein Bewegungsmensch und werde es wohl auch immer bleiben. Deshalb freue ich mich ehrlich gesagt sehr über mein Stehpult. (lacht)

 

Tanz findet auf körperlichem Spitzenniveau statt. Trotzdem wird er gesellschaftlich oft weniger ernst genommen als klassischer Sport. Woran liegt das?

Eigentlich ist das ein Kompliment. Wenn jemand sagt, dass es so einfach aussieht, dann haben wir Tänzerinnen und Tänzer unseren Job richtig gemacht. Unser Anspruch ist genau das: Von aussen soll es mühelos wirken. Hinter dieser Leichtigkeit stecken unglaublich viel Training und körperliche Arbeit. Wenn das alles am Ende selbstverständlich aussieht, haben wir unseren Job gut gemacht.

 

Welche Gemeinsamkeiten teilen Tänzerinnen und Tänzer mit Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern?

Das tägliche Training ist körperlich genauso intensiv wie in vielen anderen Sportarten. Natürlich sieht jede Sportart anders aus, aber am Ende ist unser Körper unser Instrument. Das ist bei Tänzerinnen genauso wie bei Fussballern, Langläuferinnen oder Handballern. Wir müssen unseren Körper so gut kennen und beherrschen, dass wir damit genau das ausdrücken können, was wir möchten. Das ist eigentlich wie bei einem Musiker mit seinem Instrument. Die körperliche Arbeit ist die Voraussetzung dafür, dass wir nach aussen das zeigen können, was wir ausdrücken wollen.

 

Was fällt dir leichter: vor Publikum zu tanzen oder vor einem Unternehmen zu referieren?

Lange Zeit war es das Tanzen auf der Bühne. Mittlerweile merke ich aber, dass mir genau diese Erfahrung enorm hilft, wenn ich vor Personen oder einem Unternehmen spreche. Das Auftreten vor Publikum kenne ich schon lange – jetzt lerne ich einfach, diese Fähigkeiten in einen neuen Kontext zu übertragen.

 

Weil du als Tänzerin auch Performerin bist?

Genau. Tänzerinnen und Tänzer lernen, mit ihrem Körper nach aussen zu kommunizieren. Das begleitet einen auch in anderen Situationen. Diese Erfahrung gibt mir viel Selbstvertrauen, wenn ich vor Menschen spreche oder auftrete. Das ist sicher ein Vorteil. Ich möchte aber nicht sagen, dass andere Sportarten das nicht auch mitbringen. Dort gibt es diese Fähigkeiten ebenfalls. Im Tanz stehen sie einfach noch etwas stärker im Zentrum.

 

Bist du als Tänzerin perfektionistischer als andere Sportlerinnen und Sportler?

Das kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich weiss nur, dass ich selbst einen sehr hohen Anspruch an mich selbst habe. Man kann das perfektionistisch nennen. Vielleicht ist das bei anderen weniger ausgeprägt, vielleicht aber genauso stark. Das kann ich nicht vergleichen.

 

Gibt es Eigenschaften aus der Tanzwelt, die uns allen im Berufsleben guttun würden?

Ich glaube, vor allem die Offenheit gegenüber anderen Menschen. Und die Bereitschaft, wirklich miteinander in den Austausch zu gehen.

 

Was bedeutet das Wort «Erfolg» r dich heute im Vergleich zu deinem 16-jährigen Ich?

Erfolg ist für mich stärker ein persönliches Gefühl geworden als etwas, das von aussen definiert wird. Das ist etwas, das ich immer noch lerne und bewusst übe. Aber dieser Gedanke ist inzwischen fest in mir verankert. Und ich freue mich darauf, ihn weiter wachsen zu lassen.

 

Interview: Christoph Baumgartner / -TNER ((> Link zu https://thatstner.com))

 

«arabesque – brisé – chassé – Bedeutung von Bezeichnungen im klassischen Ballett» von Lia Lütolf: https://ballett-abc.ch/