
«Das ist immer ein grosses Thema: Lösungen vorschlagen, Lösungen bringen.»
Davide Callà (41) kam in Winterthur zur Welt, begann als Junior beim Quartierverein FC Tössfeld und durchlief die Nachwuchsabteilungen des FC Zürich, der Zürcher Grasshoppers und des FC Winterthur. Als 18-Jähriger erhielt er seinen ersten Profi-Vertrag beim FC Wil. Danach folgten Servette Genf, St. Gallen, die Zürcher Grasshoppers, Aarau, Basel und schliesslich der FC Winterthur, bei dem er 2021 seine Aktivkarriere beendete und zuerst als Assistenztrainer und anschliessend als Co-Trainer startete. Nach zwei Jahren als Assistenztrainer beim FC Basel wechselte er im Juni 2025 zum Schweizerischen Fussballverband und ist aktuell Assistent von Murat Yakin in der Schweizer A-Nationalmannschaft. Er besitzt seit Januar 2024 das UEFA A-Diplom und strebt die UEFA-Pro-Lizenz an.
Egal, in welchem Club du als Fussballer gespielt hast: Du wurdest immer schnell Liebling der Fankurve. Wie gross war für dich der Kulturschock, mit 36 Jahren als Spieler beim FC Winterthur plötzlich nicht mehr auf dem Platz zu stehen, sondern nahtlos Assistenztrainer zu werden?
Ich fand immer relativ schnell einen guten Draht zu den Fans und zur ganzen Umgebung und bin ein Spielertyp, der sich mit einem Club rasch identifizieren will und kann. Und ich glaube, die Leute mochten und schätzten mich deshalb, weil sie halt einfach merkten, dass, wenn ich auf dem Platz stehe, jeweils alles gebe für das Leibchen, das ich trage.
Zu deiner Frage. Einen Kulturschock hatte ich in dem Sinn keinen. Ich habe mich ja in den letzten Jahren meiner Karriere sehr gut auf das Danach fokussiert und vorbereitet und bin dann bewusst zum FC Winterthur gewechselt, weil man dort sagte, dass man mich nicht nur als Spieler haben möchte, sondern mich langfristig als Trainer oder was auch immer in den Club einbinden will. Das kann sich ja dann nachher im Verlauf der Zeit auch entwickeln. Deshalb war es für mich eigentlich nie ein Kulturschock – höchstens vielleicht ein bisschen ungewohnt. Ich war bei Winterthur Spieler und Captain. Nach meinem Rücktritt ging ich zwei Wochen in die Ferien und war danach im Staff der gleichen Truppe. Das war ein bisschen ungewohnt. Aber gleichzeitig hat mir das den Einstieg ins Trainerbusiness auch erleichtert.
Du hast vorhin etwas gesagt, dass die Identifikation mit den Clubs, für die du gespielt hast, immer da war. Gleichzeitig sehe ich auch andere, jüngere Spieler, die sich, wenn sie Goals schiessen, vor die Kurve stellen, das Vereinswappen küssen und zwei, drei Monate später wieder weg sind. Ist das alles gespielt? Küsst man einfach den Ring des Königs, für den man gerade spielt? Oder ist diese Verbundenheit tatsächlich stärker, als man meint?
Am Schluss muss das jeder Spieler für sich selber beantworten. Ich habe nie ein Wappen geküsst, aber ich habe immer alles gegeben für die Farben, die ich vertreten habe. Das Eine schliesst das Andere ja nicht aus. Manchmal vergisst man sich in der Euphorie eines Goals komplett und lässt sich zu Gesten hinreisen, die nachher kritisiert werden. Wir leben in der Zeit des Internets, wo nichts vergessen wird. Da kann die Öffentlichkeit Sachen aus dem Kontext reissen und gegen jemanden benutzen. Dessen muss man sich als Spieler bewusst sein. Deshalb gilt es dort auch, sich gut zu überlegen, wie man reagiert, was man sagt, welche Gesten man macht. Es hat immer alles einen Einfluss – auch im Privatleben. Fussballer sind ja auch Menschen, nicht nur Spieler; das sollte man immer berücksichtigen.
Aber klar, es gibt Sachen, die man in der Emotion macht, im Nachhinein bereut und bestenfalls daraus lernt. Ich hatte zum Glück nie wirklich eine solche Situation, ausser vielleicht mal bei St. Gallen, wo mir die Fans gewisse Dinge um die Ohren gehauen haben. (Anmerkung: Davide Callà verliess nach dem Abstieg im Sommer 2008 den FC St. Gallen und wechselte zu den Zürcher Grasshoppers, was ihm die Fans jahrelang übel nahmen.) Letztlich muss man das Ganze auch sportlich nehmen und sich bewusst sein, dass nicht immer alle glücklich sind mit den Entscheidungen, die man getroffen hat.
Gab es für dich diesen magischen Moment, als du das erste Mal dachtest: Jetzt bin ich definitiv Trainer und nicht mehr Spieler? War das im Dezember 2021 bei Winterthur so, als Coach Ralf Loose entlassen wurde und du zusammen mit Co-Assistent Dario Zuffi im Trainer-Team eingesprungen bist?
Ja, es war so ein Prozess, aber in dem Moment, als der Club leider entschied, sich von Ralf zu trennen, sagten sie: «Jungs, ihr müsst das bis zur Winterpause machen.» Dario und ich haben uns super gut verstanden und ergänzt. Für ihn war es nichts Neues, für mich hingegen absolutes Neuland. Da merkte ich schon, dass, wenn du dann eine Linie weiter vorne bist und nicht nur im Hintergrund agierst als Assistent, das Adrenalin durch die Adern fliesst. Es ist vergleichbar mit den Gefühlen und Emotionen, die man als Fussballer auf dem Platz spürt. Da merkte ich, dass das etwas sein könnte für mich, definitiv.
Andere Spieler werden nach ihrer aktiven Karriere zwar auch Trainer, aber die meisten starten bei den Junioren. Du hingegen bist gleich oben eingestiegen. Ist das deinen Fähigkeiten geschuldet oder deiner Art, wie du auf Leute zugehst?
Das war ehrlich gesagt nicht so geplant, sondern ein Stück weit auch Zufall. Es sind verschiedene Faktoren, die dazu führten, dass ich zuoberst eingestiegen bin als Assistent in der Challenge League. Einerseits fand der Trainer das eine gute Idee, andererseits hatte der Club das Gefühl, dass er am meisten von mir profitieren kann, wenn ich in der ersten Mannschaft gewisse Inputs reinbringe. Dazu kam der Faktor, dass ich auf einer bestimmten Stufe Trainer sein musste, um mit meinen Diplomen überhaupt weitermachen zu können. Und wenn natürlich gewisse Stellen bereits besetzt sind, gibt es die Möglichkeit, entweder die entsprechenden Trainer auf diesen Stufen, welche für mich relevant gewesen wären für Diplome, mit mir zu ersetzen – oder mich eben in den Staff der ersten Mannschaft zu integrieren und ihn so zu ergänzen. Ich glaube, das war eine elegante Lösung, die für alle Beteiligten gut war.
Nehmen wir eine für Trainer unangenehme Situation: Dein Team schiesst keine Tore, verliert Spiele, die Vereinsleitung wird ungeduldig, die Fans pfeifen euch aus. Vielleicht fehlt das Glück oder die letzte Konsequenz, und Beni Huggel sagt dann in der Spielanalyse, dass man halt auch mal ein «dreckiges Goal» erzielen muss. Aber auch das klappt nicht. Irgendwann fällt die Niederlage auf dich als Trainer zurück, dein Job wird infrage gestellt. Wie ist das, wenn du an der Seitenlinie zwar dabei bist, aber in letzter Konsequenz, weil du ja nicht selber auf dem Platz stehst, trotzdem nicht viel machen kannst?
Für einen Trainer wird es dann sehr schwierig, weil man ja nur einen bedingten Einfluss hat. Du kannst in der Kabine mit der Mannschaft sprechen, oder mit einem Spieler, wenn er direkt vor dir steht. Aber im Stadion während des Spiels ist es wegen der Distanzen, des Lärmpegels und der Emotionen schwierig. Letztlich geht es darum, Ruhe, Gelassenheit und Souveränität auszustrahlen. Ich bin auch der Meinung, dass sich das Blatt irgendwann wieder wendet, wenn man gut arbeitet und glaube nicht daran, dass es immer nur um Glück und Pech geht. Manchmal kommen auch Unvermögen und fehlende Qualität dazu. Es geht darum, dass man seine Spieler stärkt und ihnen Vertrauen schenkt – im Wissen darum, dass man nicht immer alles in den eigenen Händen hat. Ich finde es nicht korrekt, wenn ein Trainer nur an den geschossenen Goals oder an den Resultaten gemessen wird. Aber klar, wir kennen ja alle die Mechanismen des Geschäfts.
Also wird der Trainer entlassen.
Wenn zu so einer Massnahme greift, muss man sich halt immer fragen: Was löst das in einem Team aus? Wird es effektiv besser? Man hat in dem Moment vielleicht einen Schuldigen oder Verantwortlichen gefunden – aber was bringt es am Schluss der Mannschaft und nicht zuletzt auch dem Club?
Mourinho, Guardiola, Klopp oder auch Murat Yakin, bei dem man immer wieder gerne über Uhren und getönte Brillen diskutiert: Es gab zwar schon früher grosse Trainerfiguren, aber heute haben Trainer viel häufiger einen ähnlichen Star-Status wie Spieler. Ist das noch normal oder ein bisschen zu viel der Aufmerksamkeit?
Es ist halt einfach so, dass in den sozialen Medien und mit der gesteigerten Medienpräsenz generell im Fussball auch Trainer mehr im Fokus stehen. Fussball ist ja nicht nur ein Sport, sondern zu einem grossen Teil auch Entertainment. Die Leute wollen unterhalten werden, und ein Trainer ist ein wichtiger Teil dieses Konstrukts. Ich kenne das als gebürtiger Italiener aus der Serie A. Dort ist der Trainer der «Mister» – und der Mister war schon immer eine wichtige Figur. Deshalb überrascht es mich nicht, dass Trainer immer mehr im Fokus stehen.
Dich schätzte man für deinen Einsatz auf dem Platz und weil man stets das Gefühl hatte, Davide Callà ist nicht auf den Kopf gefallen. Wenn du deine Laufwege – früher auf dem Feld, heute an der Seitenlinie – vergleichst: Was hat sich verändert? Theoretisch könntest du in der Coaching-Zone hoch- und runterrennen, aber dort steht ja auch noch Murat Yakin.
Genau ja, als Assistent sitze ich vor allem auf der Bank, was mich als Spieler natürlich genervt hat. (lacht) Jetzt ist es so, dass ich, wenn ich sitze, versuchen muss, dort einen sehr klaren Kopf und gleichzeitig den Überblick zu bewahren, was von der Bank aus manchmal nicht ganz so einfach ist.
Für alle, die das Gefühl haben, der Callà hat einfach ein iPad in der Hand und macht dort hinten irgendwas: Welches sind deine Aufgaben als Assistenztrainer während der Matches und dazwischen?
Gut, der Name sagt es ja schon: Ich assistiere Murat Yakin und unterstütze ihn in allen Belangen. Wenn der Trainer an der Seitenlinie steht und in einer Phase den Fokus auf ganz spezifische Aspekte legt, ist es meine Aufgabe, das Spiel aus einer distanzierteren Perspektive zu betrachten und ihn zu ergänzen. Muri ist natürlich ein Trainer, der eine grosse Erfahrung hat und deshalb sehr vieles sowieso sieht. Trotzdem versuche ich, mich einzubringen, wenn ich das Gefühl habe, dass man gewisse Dinge verändern könnte. Ab und zu stelle ich auch Fragen, die vielleicht unangenehm sind. Das ist meine Aufgabe.
Muri war Defensivspieler, ich eher in der Offensive, also gibt er mir in diesem Bereich viel Vertrauen und Kompetenzen. Wir stimmen uns ab, wenn es auf gewissen Positionen um Wechsel geht. Dort gebe ich meine Inputs. Die Zusammenarbeit mit ihm ist sehr angenehm, weil er einer ist, der wirklich auch zuhört. Ich fühle mich von ihm extrem geschätzt.
Was vermisst du am meisten am Spielerleben? Und was überhaupt nicht?
Das körperliche Auspowern auf dem Platz, aktiv in gewissen Situationen eingreifen zu können, Tore zu schiessen, den entscheidenden Assist zu geben, vor der Kurve zu stehen und sich feiern zu lassen – das waren schon schöne Momente. Als Trainer weiss ich, dass ich als Spieler früher einer dieser Protagonisten war.
Wenn du Trainer wirst, musst du dir bewusst sein, dass du nie wieder ein Tor schiessen wirst, weil das jetzt andere machen. Ich überlasse ihnen diese Bühne sehr gerne und bin mehr im Hintergrund, so wie es sein muss. So funktioniere ich, so sehe ich das. Ich bin nicht mehr einer, der sich vor die Kurve stellt, um die Fans anzuheizen. Ich versuche auch dort, die Contenance zu bewahren und wenn möglich Souveränität auszustrahlen.
Gibt es noch diese Momente, in denen du gerne auf dem Platz stehen würdest und die Situation als Spieler anders lösen würdest?
Klar. Oder manchmal denke ich: Super gemacht, den Ball hätte ich jetzt auch gerne so schön ins Tor geschlenzt! Diese Gedanken sind völlig normal. Wobei die wahrscheinlich auch viele Zuschauer auf der Tribüne haben. Dort gibt es ja auch ganz viele Experten, die meistens alles besser wissen. Sie hätten den Ball angenommen und ihn dem Goalie zwischen den Beinen in die andere Ecke geschoben. (lacht)
Welches sind typische Callà-Qualitäten aus deiner aktiven Karriere, die für deinen Trainerjob überlebenswichtig sind?
Ich war immer sehr teamfähig, konnte sehr schnell mit den Menschen um mich herum und den Mitspielern connecten, hatte kaum Akklimatisierungsschwierigkeiten, war also immer sehr schnell Teil eines Teams. Das ist eine Qualität, die mir auch jetzt extrem hilft. Ich glaube, ich schaffe es auf eine sehr natürliche Art und Weise, mich in ein Konstrukt einzufügen. Als ich zum Beispiel von Aarau nach Basel wechselte, war ich recht schnell im Spielsystem integriert, verstand Abläufe und Mannschaftsstruktur und fand mich dort super schnell zurecht. Und das ist sicher etwas, was mir auch als Trainer hilft.
Was musstest du neu lernen?
Vieles! Etwa die Detailbesessenheit. Gleichzeitig aber auch eine gewisse Lockerheit, die es braucht. Als Spieler konsumierst du einfach. Du gehst auf den Platz, alles ist vorbereitet. Was ich auch lernen musste, war die Effizienz, die mit der Erfahrung kommt. Man muss sich bewusst sein, dass gewisse Details extrem wichtig sind – und die muss man gut vorbereiten. Ich musste lernen, bewusst auf den Platz zu gehen und zu sagen: Heute achte ich ganz genau auf das und auf das. Ich konzentriere mich beim Coaching nur auf diese Keypoints, nicht einfach auf alles. Am Anfang der Karriere hast du das Gefühl, alles korrigieren zu müssen, aber das geht nicht, und es ist auch nicht zielführend. Also fokussiere ich mich auf ein paar Sachen und mache die dann aber wirklich auch gut.
Von welchen Trainern hast du als Spieler am meisten gelernt und als Trainer mitgenommen?
Witzig, dass du fragst! Meine Frau hat mir gestern eine ähnliche Frage gestellt. Defensiv war Murat Yakin einer, der mich als Spieler stark prägte. Hinsichtlich Offensive, Variabilität und Flexibilität war es Paulo Sousa. In Bezug auf Kommunikation, Mannschaftsführung Struktur und Disziplin war Urs Fischer unglaublich wertvoll für meine Karriere. Und wenn es darum geht, bezüglich Effizienz und Ausschöpfen des Potenzials auch mit bescheidenen Mitteln ein Maximum aus einer Mannschaft herauszuholen, war René Weiler unglaublich gut. So hat jeder seinen Teil dazu beigetragen, und ich durfte mir jeweils gewisse Dinge herauspicken und in meinen Rucksack packen.
Es gibt natürlich auch andere, die mich geprägt haben. All die, die ich jetzt nicht erwähnt habe, konnten mir auf meinem Weg ebenfalls einiges mitgeben. Aber die Genannten sind diejenigen, die ich am Schluss meiner Karriere als Trainer hatte, weshalb sie vielleicht noch ein bisschen präsenter sind. Es gibt auch solche, da muss ich ehrlich sein, von denen ich ebenfalls viel gelernt habe – aber im negativen Sinn, weil ich wusste, dass ich das später nicht so machen will. Das ist ein ganz wichtiger Lernprozess. Es ist wichtig zu wissen, was man will. Aber im Laufe meines Lebens habe ich auch gelernt, was ich nicht will.
Als Assistenztrainer hast du verschiedene Rollen. Du bist Übersetzer, Brückenbauer, Therapeut, Lösungsfinder und inhaltlicher Partner, der auf Dinge schaut, die, wie im aktuellen Fall, Murat Yakin während des Spiels vielleicht grad nicht sehen kann, weil er sich auf andere Sachen konzentrieren muss. Welche dieser Rollen gefällt dir am meisten?
Ich bin ein Brückenbauer und sehe mich vor allem als Dienstleister für den Trainer, die Spieler und den Verband. Das gefällt mir an meinem Job am besten. Diese Rolle erfüllt mich, und ich habe das Gefühl, dass ich darin gut bin. Ich erfahre viel Wertschätzung, weil viele Leute es wertvoll finden, was ich mache, und das zeigen und sagen sie mir auch. Das ist ein wichtiger Faktor. So macht es Spass zu arbeiten, und ich kann mich gleichzeitig entwickeln.
Wer geht eigentlich besser mit Stress um? Davide Callà als Spieler? Oder Davide Callà als Assistenztrainer?
Ich hatte als Spieler deutlich weniger Stress, konnte das tun, was ich am besten konnte und am liebsten machte. Als Trainer, als Assistent muss ich deutlich besser mit Stress umgehen können.
Kurzer Abstecher ins Privatleben. Du bist verheiratet. Wer ist taktisch besser unterwegs? Du oder deine Frau?
Logisch, meine Frau. Sie ist taktisch besser, strukturierter und in allem besser. (lacht)
Dein Sohn ist zehn Jahre alt. Spielt er auch Fussball?
Er kam natürlich gar nicht darum herum. Er spielt sehr, sehr gerne Fussball und in meinen Augen auch sehr, sehr gut. Ich schaue ihm extrem gerne zu und finde, dass er deutlich besser ist als ich in seinem Alter. Die ersten zehn Jahre seines Lebens, wenn ich seine Entwicklung sehe, erfüllen mich mit Stolz.
Wie geht dein Sohn damit um, dass du seit dem 1. Juni 2025 als Assistent von Murat Yakin Panini-Heftchen-Helden wie ein Xhaka oder ein Akanji trainierst?
Er findet das natürlich schon sehr, sehr cool. Seit ich in der Nati bin, hat er einen neuen Lieblingsspieler: Johan Manzambi. Sie haben am selben Tag Geburtstag, Manzambi ist einfach zehn Jahre älter. Mein Sohn durfte ihn kennenlernen, bekam sein Leibchen, konnte ein Foto mit ihm machen und mit ihm reden. Das sind schon Dinge, die bleiben. Seither ist alles einfach nur noch Manzambi.
Analysiert er auch deine Arbeit als Trainer?
Es ist im Fall unglaublich, wie viel Fussball-Sachverstand dieser kleine Knirps bereits hat! Ich schaue ja permanent Spiele und analysiere sie auf dem Laptop, was er natürlich mitbekommt. Aber er sieht teilweise Sachen, wo ich selber wirklich staune. Vielleicht liegt es daran, dass die Generation Z ganz einfach Zugang zu extrem vielen Fussballspielen hat. Mein Sohn kann also, wenn er möchte und wir ihn lassen, jeden Tag x Matches schauen. In seinem Alter konnte ich WM oder EM schauen. Ab Mitte der 90er-Jahre kam dann die Champions League. Und sonst mussten wir die Zusammenfassungen im «Sportpanorama», «Sport aktuell», «ran» oder «ranissimo» schauen – und ich als Italiener natürlich «90° minuto». Aber das wars dann. Mein Sohn hat jetzt mit 10 wahrscheinlich schon so viele Matches gesehen, wie ich mit 25.
Vergleichen wir die Nati mit einem KMU. Hier gibt es rund um Murat Yakin die Chef-Etage, zu der du ebenfalls zählst; dort ist die Belegschaft mit Stars, die in Mannschaften wie Inter Mailand, Borussia Dortmund oder Betis Sevilla spielen. Wie einfach ist das?
Ich habe einen sehr guten Draht zu all diesen Jungs. Mit einigen von ihnen durfte ich auch noch gemeinsam spielen, was natürlich hilft. Manu habe ich kennengelernt, als er mit 18 zum FCB kam. Remo Freuler hatte ich bei GC als Mitspieler, als er noch ganz jung war. Gegen Granit habe ich in der Champions League gespielt, als er bei Arsenal war. Das ist sicher etwas, das mir bei der Integration in diese Truppe hilft. Aufgrund meiner eigenen Karriere habe ich einen gewissen Bonus gerade bei ein paar jungen Spielern. Wenn ich etwas erzähle, ist automatisch eine gewisse Glaubwürdigkeit und Authentizität vorhanden. Das, was ich erzähle, habe ich nicht irgendwo gelesen, sondern selbst erlebt. Diesen Kredit habe ich aber nur am Anfang. Nachher muss ich schon aufpassen, was ich sage. Diese Spieler stellen Fragen, auf die ich entsprechende Antworten und Lösungen parat haben muss. Das ist immer ein grosses Thema: Lösungen vorschlagen, Lösungen bringen.
Wie müssen sich Aussenstehende das Teamwork in der Nati vorstellen, also von der Verbandsleitung, über den Trainerstab, bis zur Physioabteilung?
Das funktioniert so, dass jeder seine Stärken, Fachgebiete und Kompetenzen hat. Jeder stellt seine Qualitäten in den Dienst der Sache. Das ist der Schlüssel zum Erfolg, denke ich. Ich weiss aber auch, dass ich nicht alles weiss, was eine wichtige Erkenntnis, die man haben muss. Deshalb habe ich vorher die Wörter Demut und Bescheidenheit erwähnt. Wenn ein Spieler ein Problem mit der Wade oder dem Oberschenkel hat, ein muskuläres Problem, dann geht er nicht zum Metzger im Volg und fragt ihn, was das Problem sein könnte, sondern zum Physiotherapeuten. Weil er weiss, dass das seine Kernkompetenz, seine Aufgabe ist. Wenn ich Informationen im taktischen Bereich benötige, frage ich unseren Analysten, der nichts anderes macht, als Spiele anzuschauen.
Es ist kein Zeichen von Schwäche zuzugeben, dass man etwas nicht weiss und jemanden fragt, der besser ist als ich. Es ist meiner Meinung nach eine Stärke, wenn man das akzeptiert und an der richtigen Stelle nachfragt. Das ist für mich der Schlüssel zum Erfolg in einem Team. Und deshalb arbeiten und funktionieren wir auch so beim Verband. Ich muss nicht das Gefühl haben, alles alleine machen zu müssen. Im Gegenteil! Andere haben in gewissen Bereichen mehr Kompetenzen und das viel grössere Wissen als ich. Und das möchte ich nutzen.
Dieses Mindset würde vielen Unternehmerinnen und Unternehmern helfen.
Ich glaube, dass sich da sicher eine Brücke zur Privatwirtschaft bauen lässt. Dort sollte es ja nicht anders funktionieren. Für den Postchef Pascal Grieder ist es wahrscheinlich gut, wenn er auch eine grosse Ahnung von Paketzustellung hat. Also geht er am besten zum Pöstler, der jeden Tag im Wagen sitzt, Pakete und Briefe austrägt, und fragt ihn: Kannst du mir ein Feedback zu deiner Arbeit geben? Wie siehst du das? Kannst du mir mal dort einen Einblick geben oder einen Einblick verschaffen? Das ist aus meiner Sicht ein Zeichen von Stärke, weil er dann weiss, wie das weiter unten läuft.

Wenn du deine Rolle im Trainerstaff der Nati anschaust: Welche Tipps würdest du Unternehmerinnen und Unternehmern geben, wie sie ihre Teams besser und erfolgreicher führen können?
Wir alle können extrem viel voneinander lernen. In einem Fussballteam hast du verschiedene Nationalitäten, grosse Altersunterschiede, unterschiedliche Religionen, Mentalitäten und Ansichten. Und trotzdem schafft man es letztlich, eine Gruppe zu bilden, die ein gemeinsames Ziel hat und das auch verfolgt. Jeder stellt seine Qualitäten in den Dienst der Sache. Damit ist für mich eigentlich alles gesagt. Wenn Unternehmen oder wir als Gesellschaft das übernehmen würden, hätten wir viel weniger Probleme und wären gleichzeitig sehr erfolgreich.
Wenn man auch unternehmerisch so denkt und arbeitet, wird man dafür auch belohnt. Das ist der wichtigste Punkt, den ich bis jetzt gelernt habe. Nicht primär, seit ich Trainer, sondern Vater bin. Spieler und Arbeitnehmende sind in erster Linie Menschen. Und Menschen sollte man so nehmen, wie sie sind. Ihre Persönlichkeiten sind gegeben, aber man kann am Verhalten und der Mentalität arbeiten. Wenn man das beherzt, kann man sehr erfolgreich sein und das Beste aus jedem Mitarbeitenden herausholen.
Du hast als Teenager im Fernstudium das Bürofach- und Handelsfachdiplom angefangen. Was waren deine Überlegungen?
Mein Lehrer damals sagte mir, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Ich war ein relativ guter Schüler, aber für mich war eh klar, dass ich Fussballer werden würde. Deshalb wollte ich auch keine Lehre anfangen, was früher undenkbar war, weil es nicht unserem typisch schweizerischen Denken entspricht. Meine Eltern und ich einigten uns auf diesen Kompromiss. Sie erlaubten mir, meinen Traum zu verfolgen und auf die Karte Fussball zu setzen.
Das ist wahrscheinlich einfacher, wenn man italienische Eltern hat. (Anmerkung: Sein Vater stammt aus Kalabrien, seine Mutter aus Sizilien)
Genau. Aber sie fanden es trotzdem wichtig, dass ich für alle Eventualitäten noch etwas lerne, was absolut Sinn machte. Und dann, naja, viele Möglichkeiten hast du ja nicht, wenn du auf die Karte Fussball setzt. Du kannst zum Beispiel nicht als Maurer arbeiten. Das wird dann irgendwann mal schwierig wegen der physischen Belastung. Also machte ich das Bürofach- und das Handelsdiplom. Das war damals sehr anspruchsvoll, dich als 16-/17-Jähriger so zu organisieren, dass du jeden Tag ins Training gehst und selbständig lernst, um das Diplom innerhalb einer entsprechenden Zeit abschliessen zu können. Es braucht schon viel Selbstdisziplin und Eigenverantwortung. Aber das sind alles Kompetenzen, die ich damals lernte: Eigentantrieb zu haben, sich selber organisieren und strukturieren zu können, am Morgen früh aufzustehen, konsequent die Aufgaben zu machen, zu lernen und nachher ins Training zu gehen. Weil ich voll auf Fussball gesetzt habe, wollte ich die Ausbildung zwar nebenbei machen. Aber eben seriös, weil ich es erstens brauchte, und man zweitens nie weiss, ob es mit der Profikarriere klappt oder nicht.
Wie wärst du eigentlich, wenn du dir das vorstellst vor deinem geistigen Auge, wenn du das KV gemacht hättest und David Callà wäre in diesem Unternehmen irgendwie dort im Büro. Wie wärst du so als Bürogummi?
Ich glaube, ich wäre ein sehr Lustiger. Humor war schon immer eine Qualität, die mich auszeichnete; da kannst du wirklich ganz viele meiner ehemaligen Mitspieler fragen. Die meisten würden dir sagen, mit dem lachst du dich jeden Tag kaputt. Das ist auch etwas, das ich mir auch als Trainer vorgenommen habe und unbedingt auf den Platz bringen will. Bei aller Struktur, Taktik, Seriosität und Souveränität: Lachen ist so wichtig! Das brauche ich einfach.
Dann wärst du also kein typischer «Thank God it’s Friday»-Mensch. Du hast etwas geschafft, was nicht alle Fussballer schaffen, nämlich den Karrierewechsel vom Fussball zum Fussball. Was empfiehlst du jungen Spielerinnen und Spielern, damit sie sich einerseits auf den Fussball konzentrieren und andererseits für die Zukunft absichern können?
Ich empfehle allen Eltern, die ein Kind haben, das talentiert ist und wirklich den Willen und den Biss mitbringt, um Fussballerin oder Fussballer zu werden, auf diese Karte zu setzen und für das Sicherheitsdenken einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Diese Kids sind ja 15, 16, 17 Jahre alt. Ich wusste in diesem Alter schon sehr genau, was ich wollte.
Also genau im Alter, in dem sich entscheidet, ob jemand den Schritt in die erste Mannschaft machen kann oder nicht.
Genau. Dann lohnt es sich, alles auf diese Karte zu setzen. Wenn du mit 20-22 merkst, dass du deinen Traum nicht verwirklichen kannst und etwas lernen und arbeiten musst, bleibt dir immer noch genügend Zeit bis 65. In der Schweiz gibt es sehr viele Möglichkeiten, etwas zu lernen. Man muss sich halt bewusst sein, dass man dann vielleicht mit 16-Jährigen in die Schule geht. Letztlich musst du alles, was du machst, mit 100 Prozent Einsatz machen. Ich habe immer gesagt: Super, wenn ich es schaffe; wenn ich es aber nicht schaffe, möchte ich vor dem Spiegel stehen, reinschauen und mir nichts vorwerfen, denn ich habe alles versucht, alles – aber es hat halt nicht sollen sein. Wenn ich hingegen mehr hätte machen können, mehr hätte trainieren können, aber letztlich einfach faul war? Dann ist das eine Enttäuschung, die schwierig zu verarbeiten ist. Und dann bist du mit dir selber auch nicht im Reinen.
Es gibt pauschal gesagt zwei Arten von Eltern. Einerseits die, die ihre Kinder pushen, weil nicht zuletzt im Fussball theoretisch viel Geld drin liegt. Andererseits diejenigen, die das pure Gegenteil sind, also sagen: Mach zuerst etwas Gescheites, mach eine Ausbildung. Danach kannst du immer noch Sport machen. Wie ist deine Haltung?
Wenn eure Kinder Träume haben, dann unterstützt sie. Das kann ich den Eltern sagen. Aber Unterstützen heisst nicht, Druck aufzusetzen. Und ihr dürft nie vergessen: Es sollte immer der Traum des Kindes sein und nicht jener vom Vater oder der Mutter. Mein Sohn muss nicht meinen Traum leben, sondern seinen eigenen Traum, das ist entscheidend. Ich sehe und höre teilweise Sachen auf den Fussballplätzen, da stehen mir die Haare zu Berge – und ich habe mittlerweile sehr lange Haare. Aber es ist effektiv so, dass ich manchmal denke: Mein Gott, aber wisst ihr eigentlich, was ihr bei euren Kindern für einen Schaden anrichtet? Das geht doch nicht! Lasst eure Jungs und Mädchen einfach Fussball spielen. Bei Eltern, die nach dem Spiel auf den Schiedsrichter losgehen, frage ich manchmal schon, wie die sich das vorstellen.
Du hast bereits während deiner Aktivzeit als Spieler die B+ Trainerlizenz gemacht. War das strategische Weitsicht, um weiter im Fussball zu bleiben, oder hast du dir einfach gesagt: Komm, das interessiert mich.
Beides. Einerseits hat es mich interessiert. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich angefangen, wie ein Trainer zu denken. Ich wollte nachvollziehen, welche Gedankengänge mein jeweiliger Trainer hatte und weshalb er gewisse Entscheidungen traf. Aufgrund meiner Verletzungen musste ich mich bereits früh um mögliche Alternativen kümmern. Ich wusste mit Mitte 20 nicht, ob es überhaupt weitergeht. Und deshalb dachte ich einfach: Ich habe die Möglichkeit, während meiner Karriere diese Diplome zu machen. Für mich ist das eine Bereicherung. Alles, was du hast, kann dir niemand mehr wegnehmen. Das hast du dann einfach. Ich bin froh, dass ich relativ früh angefangen und die Diplome gemacht habe. Danach hatte ich den Vorteil, dass ich als Trainer auf einem guten Niveau würde starten können, also nicht mit Kinderfussball anfangen musste. Dieses Diplom hatte ich je schon im Sack. Mir war wichtig, für einen Club einen gewissen Wert darzustellen, falls ich mich entscheide, als Trainer weiterhin im Fussball zu bleiben.
Wie im normalen Leben ist Weiterbildung natürlich auch im professionellen Fussball ein wichtiges Thema. Wie sieht die bei dir aus?
Ich bin weiterhin an meinen Trainerdiplomen dran. Aktuell mache ich den Berufstrainerlehrgang und schreibe meine Arbeit, die ich im März abgeben sollte. Es ist ein sehr cooler Kurs, der nicht vom Schweizerischen Fussballverband, sondern von Swiss Olympic organisiert wird und an dem alle Berufstrainer aller Sportarten teilnehmen. Der Austausch mit anderen Trainerkollegen aus dem Kampfsport, Sportschützen, Handball, Volleyball oder Eishockey ist sehr, sehr bereichernd. Es gibt viele Parallelen und viele Sachen, die wir miteinander besprechen und uns austauschen können. Das war mega wertvoll, erweitert meinen Horizont und macht mich zu einem besseren Trainer. Du brichst aus deiner Fussball-Bubble aus und siehst mal etwas anderes.
Die Trainerkurse, die ich machte, waren sehr, sehr wertvoll. Ich finde, man lernt extrem viel, wenn man offen, mit Demut und Bescheidenheit an das Ganze herangeht und nicht das Gefühl hat: Ich habe Fussball auf einem guten Niveau Fussball gespielt und weiss deshalb schon alles. Ich war immer der Typ, der von jedem irgend etwas lernen kann. Es ist ein laufender Prozess, der eigentlich nie aufhört. Man wird mit der Zeit immer erfahrener, reifer, gewinnt neue Erkenntnisse und lernt aus gewissen Situationen – teilweise auch aus schwierigen Situationen. Es ist wichtig, aus Niederlagen zu lernen.
Du bist Mitglied bei Athletes Network. Auch wenn man sich das bei dir fast nicht vorstellen kann: Gab es eine Phase, in der ihr über Alternativen gesprochen habt, falls deine Trainerkarriere plötzlich zu Ende wäre?
Doch, ich habe mich tatsächlich damit befasst. Ich glaube, das ist auch meine Pflicht. Die Plätze im bezahlten, professionellen Fussball sind sehr limitiert. Ich konnte mir zwar einen solchen ergattern, die letzten vier Jahren liefen sehr gut, weshalb ich überzeugt bin, gute Chancen zu haben, im Trainer- oder Fussballbusiness zu bleiben. Trotzdem weiss ich aus eigener Erfahrung als Spieler, dass sich das mega schnell ändern kann. Als ich verletzt war, musste ich mir über mögliche Alternativen Gedanken machen.
Auch wenn es bei mir aktuell so aussieht, als ob ich weiterhin im Fussball werde tätig sein können, musst du auch als Fussballtrainer immer für alle Eventualitäten gewappnet sein. Ich bin aber überzeugt, dass ich mit meinen Fähigkeiten auch in einer Privatwirtschaft meinen Weg machen und auch für ein Unternehmen, das vielleicht nichts mit Fussball oder Sport am Hut hat, interessant sein könnte. Das würde ich mir durchaus zutrauen.
Wir haben in dieser Serie vor ein paar Wochen ein Interview mit Handball-Goalie Marc Winkler von Wacker Thun geführt. Sein Aufwand als Athlet ist ebenfalls massiv, er arbeitet daneben aber 70 %. Hätte er denselben Lohn wie ein Sommer, Neuer oder Donnarumma, wäre das nicht natürlich nicht nötig. Im Gegensatz zum Handball wurde Fussball in den letzten Jahrzehnten laufend professionalisiert und kommerzialisiert. Wenn du die Entwicklung seit damals, als du 20 warst, mit heute vergleichst: Wie hat sich der Profi-Fussball verändert?
Die Jungen haben viel schneller die Möglichkeit, sich auf höchstem Niveau zu zeigen. Sie sind, so mein Gefühl, mutiger als wir früher. Ich habe als 18-Jähriger in der Nationalliga A debütiert und war einer der Jüngsten. Heute ist der Altersschnitt deutlich tiefer. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass in den Juniorenabteilungen mittlerweile viel besser gearbeitet wird, mit grösserem Wissen und besseren Möglichkeiten. Die Clubs setzen vermehrt auf die eigene Jugend, weil das natürlich die beste Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Da zählen auch wirtschaftliche Komponenten.
Ich wurde mit 18 relativ rasch Stammspieler in der NLA. Nach zwei Saisons kam das Interesse aus dem unteren Mittelfeld in Deutschland und in Frankreich – also verhältnismässig kleine Mannschaften. Wenn heute ein 18-Jähriger als Stammspieler in der Schweizer Super League zwei Saisons macht, Tore schiesst, Assists und Scorerpunkte sammelt, kommen schnell ganz andere Kaliber von Vereinen. Für mich ist das eine erfreuliche Entwicklung. Ich finde es schön, dass die Jungen vor allem auch in der Schweiz diese Möglichkeit bekommen, um viel früher ins Ausland zu gehen und sich dort mit den Besten zu messen. Johan Manzambi zum Beispiel wechselte mit 17 zum SC Freiburg. Das wäre früher undenkbar gewesen. Da hätte es geheissen: Du musst dich zuerst in der Schweiz durchsetzen. Heute sagt man: Wenn du so eine Chance hast, dann nutze sie.
Mit Blick auf deine eigene Karriere und deine Erfahrungen: Was würdest du anders, besser machen?
Ich würde wahrscheinlich viel detaillierter arbeiten und trainieren. Früher wusste man das schlichtweg nicht wirklich. Wenn ich nur schon sehe, wie sich die Jungs heute ernähren! Früher hast du dir keinen Ernährungsplan zurechtgelegt und einfach das gegessen, was auf den Teller kam. Auch in den Bereichen Pflege und Regeneration hast du heute viel bessere Möglichkeiten. Wer weiss, vielleicht hätte ich auch die eine oder andere Verletzung vermeiden können. (Anmerkung: Davide Callà erlitt 2006 einen Kreuzbandriss im rechten Knie und hatte in der Folge immer wieder mit wiederkehrenden Verletzungen zu kämpfen.) Von dem her ist klar, mit dem Wissensstand von heute würde ich sicher gewisse Sachen anders machen.
Wie sehen deine langfristigen Ziele aus? Assistent bleiben, Cheftrainer werden, etwas völlig anderes machen?
Seit 2021, also seit meinem Rücktritt als aktiver Fussballer, bin ich Assistent und ich fühle mich sehr, sehr wohl bei meiner jetzigen Aufgabe in der Nati. Es ist klar, dass ich mir das Ziel setze, irgendwann später selber zu schauen, ob meine Ideen in einer Mannschaft Anklang finden würden. Ich durfte in den letzten vier Jahren viele Erfahrungen sammeln, viel lernen, und ich vergleiche das ein bisschen mit einem Medizinstudenten. Der wird auch zuerst Assistenzarzt, wenn er abgeschlossen hat und nicht gleich Oberarzt. Mein grosses Glück ist, dass ich gut aufgestellt bin und absolut keinen Stress habe. Und ich habe nicht so ein grosses Ego und sage: Hey, all eyes on me! Ich muss so schnell wie möglich zuvorderst an der Linie stehen. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich bekomme für meine Arbeit bereits in meiner jetzigen Rolle genug Bestätigung und Wertschätzung. Aber es ist klar, dass ich nicht ewig Assistent sein werde.
Wenn jetzt Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammenfallen würden: Bei welchem Verein würdest du wahnsinnig gerne Cheftrainer werden?
Ich bin ja 1984 zur Welt gekommen. Als ich so alt war wie mein Sohn heute, hat die AC Milan den Weltfussball dominiert. Mailand ist ja nicht so weit weg von zuhause. Ich durfte vor Kurzem das Trainingsgelände anschauen, weil ich dort einen Spieler besuchte. Das war schon unglaublich. Wenn man also alle Festtage zusammennimmt und ich wählen könnte, dann würde ich Stand heute sagen: Serie A, AC Milan, Trainer.
