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«Du hast noch 35 Jahre vor dir!» – Wie Dave Heiniger Sportprofis in die Wirtschaft begleitet

 

Vom Spielfeld zum Arbeitsplatz: Athletes Network hilft aktiven und ehemaligen Profisportlerinnen und -sportlern, im Berufsleben Fuss zu fassen. Gegründet wurde die Organisation vor fünf Jahren von ex-Fussballnationalspieler Beni Huggel (47) und Dave Heiniger (50).

Dave, du hast bei Amicitia Zürich Handball gespielt. Ich habe gelesen, dass du es in der ersten Mannschaft zu drei Minuten Nationalliga A gebracht hast.

Fehlerfrei, kannst du noch ergänzen.

Mache ich gerne. Warum nicht vier oder sogar fünf fehlerfreie Minuten?

Es waren viele verletzt, und dann nahmen sie den Nächsten, der irgendwie auf dieser Position war, auch noch mit. Ich war in dieser Reihenfolge: zu wenig talentiert, zu klein und hatte zu viele andere Dinge im Kopf. Ich wurde Schweizermeister im B Inter und im A Inter, konnte deshalb auch die Spitzensport-RS machen, aber ich war einfach zu wenig gut. Trotzdem konnte ich aus dieser Zeit des Teamsports natürlich viel mitnehmen.

Vergleichen wir deine Zeit als Aktivsportler mit heute. Damals gab es noch keine Spieleragenten, keine persönlichen Sponsoren, und die allgemeine Kommerzialisierung war noch weniger dominant: Wie hat sich aus deiner Sicht das Anforderungsprofil an 18- bis 30-jährige Athletinnen und Athleten verändert?

Ich glaube, der grösste Unterschied ist, dass wir heute Smartphones haben. Die gab es früher noch nicht. Damals warst du im Trainingslager, hattest keine Playstation – aber vielleicht gerade deshalb viel mehr soziale Kontakte. Als Team ging man jeden Abend nach dem Training gemeinsam essen. Das ist heute anders, wie ich das von unseren Athletinnen und Athleten erfahre, aber auch aus der eigenen Familie. Unser Sohn spielt Fussball. Heute haben wir eine völlig eine andere Soziokultur, und das färbt auch auf den Sport ab. Wir sind egoistischer und opportunistischer geworden. Und natürlich geht es heute auch viel mehr um Geld. Das eine ergibt dann das andere, finde ich.

In gewissen Sportarten verdienen Athletinnen und Athleten massiv besser als früher. Müssen sie sich heute weniger Gedanken über die Karriere nach der Karriere machen, weil sie finanziell besser dastehen?

Das glaube ich nicht, denn die Situation ist viel komplexer als früher. Damals hatten Stars wie George Bregy, Fige Hollenstein und wie sie alle hiessen neben dem Sport einen normalen Beruf – weil sie einfach darauf angewiesen waren. Dessen war man sich bewusst. Heute lebt man, vor allem in den hoch bezahlten Sportarten, einerseits zwar im Hier und Jetzt, hat eine gewisse Sicherheit und muss sich deshalb nicht mehr so viele Sorgen um die eigene Zukunft machen. Andererseits haben über 60 % unserer Athletinnen und Athleten einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss. Sie stellen sich also nachhaltig auf, planen eine duale Karriere und machen sich zumindest bezüglich ihrer Ausbildung ready für die Zeit nach dem Spitzensport.

Wie entstand die Idee, zusammen mit Beni Huggel Athletes Network zu gründen?

Wir hatten am 8. April unseren fünften Geburtstag, geboren in Basel. Aber die Geschichte begann viel früher. Vor 17 Jahren skizzierte ich in meinem Moleskine die Idee. Damals war ich globaler HR-Leiter, immer auf der Piste, immer am Reisen, immer im Flugzeug oder Hotel und schrieb auf, was ich gerne machen würde. Danach führte ich viele Interviews im Privaten, mit Agenten, Spielern und Anwälten, um herauszufinden, wie ich das machen könnte. Aber mir fehlte einfach der Mut. Und dann sah ich am 19. November 2019 einen LinkedIn-Post von Beni. Es ging darum, dass es ein Gefäss geben sollte, mit dem man Athletinnen und Athleten für ihre Zeit nach dem Spitzensport hilft. Also schrieb ich ihm, dass ich bereits einen Mini-Businesscase aufgestellt hatte. Wir trafen uns ein paar Wochen später, gingen zusammen essen und sprachen darüber. Aus dem Mittagessen wurde Nachmittag und schliesslich Abend. Danach starteten wir mit einem Businesscase, einen Financial Businesscase und bauten einen Canvas. Ultimativ entschieden wir uns Mitte März 2020, also während des ersten Lockdowns, Athletes Network zu gründen. So fing das an. Eigentlich sind wir eine LinkedIn-Bromance.

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Was war die Grundidee von Athletes Network und wie hat sie sich in den letzten fünf Jahren verändert?

Die Idee war, Athletinnen und Athleten dabei zu unterstützen, während des Spitzensports das perfekte Setup zu finden, damit sie so lange wie möglich Spitzensport betreiben können, danach aus dem Spitzensport herauszugehen und mit ihren Ressourcen aus dem Spitzensport etwas Schlaues anzufangen. Im Sinn von: Die Wirtschaft soll vom Mindset von Athletinnen und Athleten, welches sie mitbringen, profitieren. Damals gab es niemanden, der sich dem Problem wirklich annahm. Also versuchten wir herauszufinden, wie wir dieses Mindset der Wirtschaft zur Verfügung stellen und Firmen für diese Idee gewinnen können. Das war unsere Vision zu Beginn, und das ist sie auch heute noch.

 

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Was bringen Athletinnen und Athleten für Unternehmen mit, was normale Menschen nicht haben? Und was fehlt ihnen?

Überdurchschnittliche Resistenz, also Widerstandsfähigkeit. Klar, das ist jetzt so über einen Kamm geschlagen. Auch im Spitzensport gibt es Ausnahmen. Aber eine grundsätzliche Qualität von Athletinnen und Athleten ist die geistige Bereitschaft, fokussiert Krisen zu bewältigen, Veränderungen zu akzeptieren und sich positiv weiterentwickeln zu können. In dem, was sie im Sport machen, sind sie extrem gut und einzigartig. Deshalb wäre es gut und wichtig, ihre Identität und Leidenschaft auf das zu legen, was nachher kommt. Denn alle diese Komponenten braucht es auch in Unternehmen. Unsere Sportlerinnen und Sportler sind sich gewohnt, mit Feedback umzugehen – sei das im Team, von Trainern oder in der Presse. Das möchte man auch in der Wirtschaft. Dort haben viele noch Samthandschuhe an, aber im Leistungssport ist es einfach «bäm!». Man will gemessen werden, schwarz auf weiss, Erfolg oder Niederlage. Es gibt viele Verhaltensweisen, bei denen Athleten während des Sports zum Teil gar nicht realisieren, was sie lernen und wie gefragt diese Qualitäten in der Wirtschaft sind.

Das Ende einer Sportkarriere ist in der Regel bedingt durch Alter oder Verletzungen und liegt bei 30 bis 35 Jahren. Das bedeutet, dass Athletinnen und Athleten im Vergleich mit «normalen» Berufsmenschen mindestens zehn Jahre im Hintertreffen sind. Wie können sie dieses Manko aufholen?

Indem man erstens akzeptiert, dass man eine andere Vita hat und lernt, demütig zu sein. Wenn du auf dem Platz die 10 hattest, heisst noch lange nicht, dass du nachher im Büro auch ein Leader bist. Vielleicht hast du tatsächlich Leaderqualitäten, aber das war in einer anderen Sportart. Gleichzeitig ist man immer noch sehr jung. Wenn jemand bei uns 30 Jahre alt ist, gratuliere ich ihr oder ihm immer: Du darfst im Fall noch 35 Jahre arbeiten. Du hast einen speziellen Lebenslauf und konntest dir wertvolle Verhaltensweisen aneignen, die die Wirtschaft braucht. Also geh raus und lerne eine neue Sportart. Innerhalb von drei bis sechs Jahren kannst du Werte generieren und eine Wirkung erzielen, die dich wieder erfolgreich machen.

Athletes Network ist eine Relaisstation zwischen Sportlerinnen, Sportlern und Unternehmen. Unterdessen arbeitet ihr mit rund 170 Unternehmen, Bildungsinstituten, Verbänden und Clubs zusammen. Wie geht als Nahtstelle dabei vor?

Wir kommunizieren viel und vernetzen, wenn das jemand möchte. Zusätzlich bringen wir Menschen an unseren Events physisch zusammen. Neu haben wir auch eine Jobfair aufgestellt für Athletinnen und Athleten, die Ausbildung und Arbeit suchen und Partnern, die das anbieten. Wir organisieren Events wie etwa die Golf Trophy oder Bike-Rennen, die Plattformen sind, um diese Komponenten zusammenzubringen.

Früher wurden besonders ehemalige Fussballer nach ihrer Sportkarriere meistens Aussendienst-Maskottchen für Parkettunternehmen, Malerfirmen oder Versicherungen.

Das hat ausgedient. Man kann es zwar nicht ganz pauschalisieren, aber davon ist man unterdessen aus mehreren Gründen weggekommen. Die Bildungslandschaft hat sich zum Beispiel extrem verändert. Mit der Bologna-Reform kannst du dich ganz anders und auf verschiedenen Wegen weiterbilden. Dann hat sich auch die Gesellschaft an sich und bezüglich Weiterbildung weiterentwickelt. Eltern von jungen Athletinnen und Athleten fühlen sich verantwortlich dafür, dass ihr Kind durch die duale Karriere geht. Also nicht «entweder oder», sondern beides – Sport und Ausbildung. Tatsache ist aber auch, dass etwa ein Viertel aller Athletinnen und Athleten Probleme haben, wenn sie aufhören. Der Identitätswechsel ist komplex, weil sie sich einerseits bereits einen Namen gemacht haben und andererseits mit der Ausbildung von Null anfangen müssen.

Plötzlich sind Rampenlicht und Aufmerksamkeit weg. Welches ist das speziellste Jobprofil, der inhaltlich krasseste Wechsel, welcher durch Athletes Network vermittelt wurde?

Alles, vom afrikanischen Fussballer, der jung in die Schweiz kam, 15 Jahre hier lebter, Familie gründete und trotzdem immer noch fast kein Deutsch spricht. Oder der 54-jährige nordamerikanische Hockeyspieler, der bis vor 15 Jahren hier spielte, sich hier niederliess und nur Englisch kann. In beiden Fällen hatten sie keine Ausbildung. Das sind die Extrembeispiele. Oder aber Adrian Knup, ehemaliger Fussballnationalspieler, der beim FC Basel und in der Liga eigentlich eine super Nachkarriere hatte, sich irgendwann aber neu orientierten musste und durch uns einen Job fand.

Menschen, die es nie über das Schulturnen hinaus geschafft haben, lieben Vorurteile: Profisportler machen mit 14 Jahren ihre Berufsmatur in Magglingen, haben nie etwas Richtiges gelernt und profitieren nachher nur von ihrem Namen. Was können normale Menschen von Sportlern lernen? Was fehlt ihnen? Oder um es in der Beziehungsfrage zu formulieren: Was hat er, was ich nicht nicht habe?

Spitzensportlerinnen und Spitzensportler können sich committen, richtig gut sein zu wollen. Sie sind konsequent, wenn es darum geht, alles dem Erfolg unterzuordnen und können mit Widerständen umgehen. Das sind meistens die grossen Unterschiede.

Haben Einzelsportlerinnen und -sportler mehr Mühe, sich ins Berufsleben einzufügen als Teamplayer wie im Fussball oder Eishockey?

Nein, das glaube ich nicht. Das ist eher ein stereotypes Bild, welches in unserer Gesellschaft besteht. Also: Teamsportler sind teamfähig, Einzelsportler sind Eigenbrötler. Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass du als Einzelsportler zuerst selbst für deinen Erfolg verantwortlich bist. Aber damit du überhaupt dort hinkommst, musst du extrem teamfähig sein, musst mit deinem Trainerstab arbeiten. Auch mit deinen Teamkolleginnen respektive -kollegen bist du in Trainingsgruppen, pushst dich gegenseitig, analysierst gemeinsam, hilfst gegenseitig. Aber klar: In dem Moment, in dem du als Skifahrer ins Starthaus gehst, bist du alleine und nur auf dich fokussiert. Später im Berufsleben heisst das trotzdem nicht, dass nur für dich selbst schauen kannst. Aber das wissen unsere Sportlerinnen und Sportler.

Wie evaluiert ihr eure Partnerfirmen? Wie bereitet ihr sie auf den Umgang mit Athletinnen und Athleten vor?

Wir sind der Meinung, dass Firmen, die im Sport als Sponsoren auftreten, sehr sportaffin sind. Und dort sagen wir: Schön, dass ihr mit Werbebanden, VIP-Logen oder auf andere Arten aktiv in den Leistungssport investiert. Aber es wäre wichtig, wenn ihr auch dann soziale Verantwortung übernehmen würdet, wenn der Lichtpegel kleiner wird. Der zweite Teil ist die demographische Entwicklung pro Industrie. In welchen Sektoren haben Unternehmen Probleme, die passenden Arbeitskräfte zu finden? Welche Industrien haben ein Interesse an einem diverseren Mindset? Dort setzen wir an. Firmen können auch regional von unserem Talentpool profitieren. Wir zeigen unseren Partnern, welche Lösungen wir bieten können. Schliesslich haben auch Unternehmen Probleme – etwa in den Bereichen Talent Akquisition, also Personalgewinnung, Organisationsentwicklung oder Transformationen. Wenn sie offene Stellen haben, in denen ein klares Athletes Mindset zählt, prüfen wir selbstverständlich die Motivation unserer Athletinnen und Athleten, ob es zum Sport passt, ob der Zeitpunkt stimmt und wie gross das Risiko ist, dass nicht alle zufrieden sind. Deshalb coachen wir unsere Athletinnen und Athleten, bis sie ultimativ beim Partner landen. Denn wir wollen, dass sie sowohl im Sport wie auch im Beruf ihre Leistung bringen können.

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  • Coacht ihr auch Unternehmen? Ganz nach dem Motto: Achtung, jetzt kommt ein Spitzensportler, das wird neu für euch?

    Eigentlich nicht. Und wenn, dann nehmen wir eher die Latte runter im Sinne von «Es kommt im Fall einfach ein Mensch. Zieht auf keinen Fall die Samthandschuhe an. Ihr müsst ihn auch nicht speziell vergüten. Er ist einfach ein Talent, Punkt.» Das ist unser Ansatz.

 

Gibt es Branchen, die ihr euch in Zukunft vermehrt oder zusätzlich wünscht?

Im Dienstleistungsbereich sind wir aktuell stark. Zulegen möchten wir im sekundären Sektor, also im produzierenden Gewerbe, in der Pharma oder in der Autoindustrie. Mit Hilti und Bossert haben wir zwei tolle Partner. Und es gibt natürlich weitere Unternehmen wie Bühler oder ABB, die ich sehr spannend finden würde.

Ihr habt fünf Jahre auf dem Buckel. Wo siehst du Athletes Network in fünf Jahren?

Ich wünsche mir, dass man uns im Sport-Ökosystem nicht mehr wegdenken kann. Das heisst, dass wir – sei es für Verbände, Clubs, die Gesellschaft, aber auch die Wirtschaft – einen festen Platz eingenommen haben und man sieht, für wen wir welche Werte generieren. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft und für unsere Sportlerinnen und Sportler, sondern auch für Eltern von Kindern, die die Voraussetzung für den Spitzensport mitbringen. Wir wollen, dass sie wissen: Es gibt eine Option, die euch hilft, eurem Kind beides zu bieten – Sportkarriere, Ausbildung und Berufsaussichten. Und wir wünschen uns, dass auch die Verbände, Clubs und Swiss Olympic froh sind, dass es uns gibt.

Du hast Eltern erwähnt. Sie haben häufig Bedenken und fordern von ihren Kindern zuerst eine abgeschlossene Lehre, wobei es dann für Spitzensport in der Regel zu spät ist. Können sie – auch dank eurer Unterstützung – einfacher beiden Ansprüchen gerecht werden?

Ich glaube, dass wir den Eltern und letztlich ihren Kindern helfen. Es wird weniger dem Zufall überlassen, wenn sie zu uns kommen. Wir können die Dropout-Quote minimieren. Es gibt immer noch ganz viele Sportarten, die zwar toll sind, aber sie generieren kein vernünftiges Einkommen. Dann bist du irgendwann 23 Jahre alt, hast einen Bachelor gemacht und siehst deine Kollegen, die bereits im Berufsleben stehen und Karriere machen, während du 5-6 Mal in der Woche trainierst. Natürlich fragst du dich, ob sich der ganze Aufwand wirklich lohnt. Zusammen mit unseren Partnern können wir präventiv im Sinne des Schweizer Spitzensports hingegen Teilzeitstellen und Weiterbildungsangebote anbieten, damit unsere Athletinnen und Athleten möglichst lange für ihren Club, ihre Fans und bestenfalls für unser Land performen können.

Athletes Network ist in der Schweiz aktiv. Aber theoretisch besteht auch in Ländern wie Deutschland oder Österreich Bedarf. Gibt es entsprechende Pläne?

Wir sind intensiv am Analysieren, haben vor Kurzem aber entschieden, im Moment den Pausenknopf zu drücken. Wir haben hier bei uns in der Schweiz immer noch genügend Herausforderungen, die wir zuerst meistern möchten, um uns eine Comfort Zone erarbeiten zu können. Damit wir sagen können: Die Schweiz haben wir richtig gut im Griff, es funktioniert, jetzt können wir den nächsten Schritt gehen. Auf dem Papier sind wir bereit, aber wir warten den richtigen Moment ab, um unsere Vision realisieren zu können. Manchmal ist Geduld richtig.

 

 

Interview: Christoph Baumgartner / -TNER